FVM: Herr Katzidis, im Juni wurden Sie als Präsident des FVM wiedergewählt. Kurz darauf gab es frische Zahlen, die als Beleg für die steigende Lust auf Fußball gewertet werden können. Von 2013 bis 2024 wuchs die Mitgliederzahl im FVM von 330.000 auf mehr als 440.000. Allein im vergangenen Jahr belief sich der Zuwachs auf rund fünf Prozent. Gehen Sie mit kräftigem Rückenwind in die zweite Amtszeit?
Christos Katzidis: Diese Zahlen machen auf jeden Fall deutlich, dass der Fußball einen ungebrochen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft genießt. Und das sogar mit steigender Tendenz. Dieser Zuwachs sorgt aber auch dafür, dass uns als Verband weitere Aufgaben ins Arbeitsheft geschrieben werden. Eine davon besteht darin, intensiv für politische Unterstützung zu werben. Wir müssen vermitteln, dass Sport nicht nur ein netter Zeitvertreib ist. Die Politik muss begreifen, dass Investitionen in Sportvereine immer auch Investitionen in Integration, Sozialarbeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Die Bereitschaft zu wecken, eine passende Infrastruktur und gute Rahmenbedingungen für die Arbeit der Vereine zu schaffen, sehe ich als einer meiner wichtigsten Aufgaben an.
FVM: Trotz des Wachstums in den Vereinen, war es offenbar keine Option, in der Verbandsführung alles beim Alten zu belassen. Das Präsidium wartet seit dem Verbandstag nicht nur mit neuen Gesichtern, sondern auch einer veränderten Struktur auf. Was sind die Vorteile der Neuausrichtung?
Christos Katzidis: Entscheidend ist, dass es nun eine noch klarere Aufgabenzuweisung und Verankerung bestimmter Themenfelder im Präsidium gibt. Im geschäftsführenden Präsidium wurden die Aufgaben in Kernbereichen gebündelt. Aus zwei Vizepräsident*innen und einem Schatzmeister mit einem Konglomerat an Aufgaben wurden drei Vizepräsidenten mit eindeutig definierten Aufgaben. Rudi Rheinstädtler ist nun Vizepräsident Sport, er kümmert sich also um unser Kerngeschäft. Markus Müller hat als Vizepräsident Personal die Entwicklung und Verknüpfung von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden im Blick und Dr. Martin Fröhlich als Vizepräsident die strategische Ausrichtung der Finanzen.
FVM: In der Geschäftsstelle wurde eine neue Struktur bereits Anfang 2024 eingeführt. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen unter der Führung der Doppelspitze von Sandra Fritz und Dirk Brenneke?
Christos Katzidis: Da war ein guter und notwendiger Schritt, auch angesichts des Wachstums in den vergangenen Jahren. Es war uns wichtig, auch an der Spitze für Entlastung zu sorgen. Zudem eröffnet diese Struktur den Mitarbeitenden Entwicklungsperspektiven. Sie können sich zum Teamleiter entwickeln oder perspektivisch in die Geschäftsführung aufrücken. Entscheidend ist es, zu sehen, dass alle für den Fußball brennen und das Zusammenspiel von Ehrenamt und Hauptamt funktioniert. Alle sind hochmotiviert bei der Sache und wollen für den Fußball etwas bewegen.
FVM: Die überordnete Ambition ist es weiterhin, als Verband Dienstleister für die Vereine und damit für den Sport zu sein. Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Christos Katzidis: Wir wollen bei der Umsetzung von vier Schwerpunkten vorankommen. Im Bereich Personalmanagement gilt es, dem Ehrenamt mehr Wertschätzung und Entlastung zukommen zu lassen und Bürokratie abzubauen. Zweitens wollen wir die Kreise stärke und entlasten. Ein Weg besteht dabei darin, mit Aufwandsentschädigungen einen monetären Anreiz zu schaffen, ein weiterer in der veränderten Organisation des Spielbetriebs der Frauen in den Kreisen. Es gibt ein Gefälle in der Anzahl von Mannschaften zwischen Land und Stadt. Ein kreisübergreifender Frauen-Spielbetrieb ist ein guter Ansatz, um Fortschritte zu erzielen. Der dritte Schwerpunkt sind IT und Digitalisierung, auch um das Ehrenamt attraktiver zu machen. Wir prüfen etwa die Idee die Staffeleinteilung mit Hilfe Künstlicher Intelligenz zu vereinfachen. Ein vierter Punkt ist die Stärkung des Mädchen- und Frauenfußballs. Da geht es beispielsweise darum, die Qualifizierung von Trainerinnen, Referentinnen und Ehrenamtlerinnen voranzutreiben.
FVM: Die Aufstockung des Bitburger-Pokals auf 64 Mannschaften erfuhr bislang positive Resonanz und auch den Schaebens-Pokal der Frauen hat man mit der Vergabe der Austragung nach Troisdorf als neue Austragungsstätte auf eine höhere Ebene gebracht. Wo sehen Sie noch Steigerungspotenzial?
Christos Katzidis: Die Idee, zur Aufstockung des Bitburger-Pokals geht ja auf die Ergebnisse einer Vereinsbefragung zurück. Kleinere Vereine wollten vermehrt dabei sein und sich gerne verstärkt mit den großen messen. Das scheint zu gelingen, aber wir sollten für eine genauere Analyse erst die Erfahrungen der gesamten Saison abwarten. Die Vergabe des Frauen-Pokalfinals ins Troisdorfer Aggerstadion ist gut angekommen, das zeigt ja auch die Kulisse von 600 Zuschauer*innen. Auch die separate Saisoneröffnung der Frauen hat sich bewährt. Das sind die Punkte, mit denen wir ganz bewusst den Frauenfußball aufwerten wollen.
FVM: Zuletzt boomte insbesondere die Nachfrage der jüngsten Nachwuchsspielerinnen. Das lässt auf ein nachhaltiges Wachstum im Mädchenfußball hoffen. Welche Rolle dürfte eine Vergabe der Frauen EM 2029 nach Deutschland spielen? Köln ist ja ein Austragungsort des kontinentalen Turniers.
Christos Katzidis: Solche Großevents sind nicht nur für den Profibereich bereichernd und fördernd. Es wird Begeisterung auch auf den Ebenen darunter geweckt. Das haben wir bei den jüngsten Turnieren gesehen. Es zeigt sich zudem ein Wandel in der Wahrnehmung des Frauenfußballs. Junge Mädchen tragen inzwischen viel häufiger Trikots von Frauen Nationalspielerinnen wie Giulia Gwinn und anderen. Es zeigt sich also die wachsende Popularität und Bedeutung. Bei den U-7-Mädels haben wir inzwischen die 10.000-Spielerinnen-Schallmauer geknackt. Der Boom ist also da. Das hat aber auch eine andere Seite: Statistisch gesehen hat jeder zweiter Verein Wartelisten für potenzielle Spieler*innen. Da sind wir wieder beim Thema Interessenvertretung. Wir müssen darauf hinwirken, dass die nötige Infrastruktur entsteht. Einen noch direkteren Einfluss haben wir auf die Aus- und Weiterbildung von Vereinsvorständen und Trainer*innen. Wir sollten weiterhin etwa im Rahmen des Vereinsdialogs für dieses Thema sensibilisieren.
FVM: Wo sollte der Fußball am Mittelrhein im Juni 2026 stehen, damit Sie von einem guten Start in Ihre zweite Amtszeit sprechen können?
Christos Katzidis: Wenn wir bis dahin unsere strategischen Ziele in allen Bereichen in Angriff genommen haben und erste positive Entwicklungen bei der Stärkung im Mädchen und Frauenfußball vorliegen. Wenn außerdem eine Attraktivitätssteigerung der ehrenamtlichen Arbeit sichtbar wird und wir das Bewusstsein in der Politik für die Bedeutung von Ehrenamt und Sport geschärft haben und Fortschritte absehbar sind, dann war es aus meiner Sicht ein gutes erstes Jahr.
FVM: Beim außerordentlichen Verbandstag 2025 hat der FVM sein Leitbild vorgestellt: Welche Rolle spielt es für die zukünftige Entwicklung des Verbandes?
Christos Katzidis: Unser beschlossenes Leitbild ist der Handlungsrahmen für unsere Arbeit und unser Spielsystem. Wir spielen Offensivfußball, und zwar mit einem 1:3:5 System. Ein zentraler Spielmacher, der für unsere Spielphilosophie verantwortlich ist und für unsere Vision steht. Davor spielen wir mit drei offensiven Mittelfeldspielern, die für unsere Mission (Menschen befähigen – Fußball entwickeln – Vereine stärken) stehen. Und im Sturm spielen wir mit fünf Stürmern, die für unsere Kernhandlungsfelder (Bildung, Talentförderung, Fußball, Interessenvertretung und gesellschaftliche Relevanz) stehen.
FVM: Die Vision, also das Zielbild, das alle Mitarbeiter*innen des FVM verbindet, lautet: „Jeder Mensch findet in seiner Nähe sein passendes Fußballangebot.“ Was wünschen Sie sich persönlich, wenn Sie an die Umsetzung der Vision denken?
Christos Katzidis: Ich würde mir wünschen, dass die Politik dem ehrenamtlichen Engagement mehr Wertschätzung durch konkrete politische Maßnahmen zukommen lässt. Mit Blick auf den Koalitionsvertrag auf der Bundesebene und bereits getroffenen Beschlüssen der Bundesregierung zur Umsetzung der Maßnahmen, kann man feststellen, dass wir auf einem guten Weg sind. Dieser gute Anfang muss aber fortgesetzt werden und sich über alle Ebenen – auch Landesebene und kommunale Ebene – fortsetzen. Wir haben uns im Jahr 2023 als erster Fußball-Landesverband der Bundesrepublik Deutschland sportpolitisch mit 21 konkreten Forderungen positioniert. Wir werden so lange am Ball bleiben, solange nicht alle Forderungen von uns zur Stärkung unserer Amateurvereine umgesetzt sind.
