Frau Tekkal, der Fußball hat Ihnen schon einige besondere Momente beschert. Sie sind in der Bundesliga aufgelaufen, haben die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen und nun standen Sie auf der Bühne und durften auf dem FVM-Verbandstag 2025 am Samstag den Egidius-Braun-Preis des Fußball-Verbandes Mittelrhein (FVM) für Ihr gesellschaftliches, gemeinnütziges Engagement unter anderem als Initiatorin des Projekts Scoring Girls in Empfang nehmen. Welche Gefühle löst diese Auszeichnung bei Ihnen aus?
In erster Linie freut es mich einfach, dass unsere Arbeit gesehen und wertgeschätzt wird. Das ist schließlich die Sache, für die man tagtäglich kämpft und sich einsetzt. Wenn unsere Initiative auf dieser Ebene wahrgenommen, ist das unglaublich wichtig, weil es unser Wirken erleichtert und uns Möglichkeiten eröffnet. Das war nicht immer so. Deshalb weiß ich dies besonders zu schätzen, vor allem, weil die Auszeichnung aus dem Fußballkontext kommt.
Worum geht es bei Ihrem Projekt Scoring Girls genau?
Wir haben ein Programm aufgebaut, um Mädchen und junge Frauen im Alter von acht bis 22 Jahren durch den Fußball zu stärken. Dabei ist wirklich jede willkommen. Ganz egal, welcher Religion sie angehört, woher sie kommt, wie viel Geld ihre Eltern verdienen und wie gut sie spielen kann. Viele der Teilnehmerinnen mussten aus ihrem Heimatland fliehen oder haben Zuwanderungsgeschichte, sind mit Rassismus konfrontiert oder werden ausgegrenzt. Aber wir sind auch ein Anlaufort für deutsche Mädchen ohne Zuwanderungsgeschichte. Wir bieten einen Ort, an dem die Welt in Ordnung ist und der niedrigschwellig und kostenlos zugänglich ist. Wir trainieren zusammen, leisten aber auch pädagogische Arbeit, unterstützen in der Kommunikation mit Ämtern, helfen bei Hausaufgaben, besorgen Praktikumsplätze und stellen Kontakt zu Ausbildungsbetrieben her. Kurz gesagt, es geht um eine Begleitung in ein selbstbestimmtes Leben und um die Bedarfe und Chancen unsere Teilnehmerinnen.
Auf den Spuren von Egidius Braun
Das passt perfekt zum Motto des verstorbene DFB-Ehrenpräsidenten und langjährigen FVM-Präsidenten Egidius Braun, dessen Namen der Preis trägt. Er hat stets betont, der Fußball sei mehr als ein 1:0.
Ich kann seine Einschätzung absolut unterschreiben und bin stolz, einen Preis erhalten zu haben, der seinen Namen trägt. Selbstverständlich ist jedes Spiel etwas Besonderes und ein Sieg etwas Schönes. Aber es geht um mehr. Und der Fußball kann mehr. Er hat eine große emotionale Bedeutung und damit auch eine immense integrative Kraft. Das hat Egidius Braun erkannt und das gilt in der heutigen Zeit vielleicht mehr denn je. Beim Fußball kommen unterschiedliche Menschen zusammen, um gemeinsam zu spielen, zu feiern oder zu jubeln. Religion, Herkunft, sexuelle Orientierung spielen keine Rolle, wenn man zusammen auf dem Platz steht und ein Spiel gewinnen will oder wenn man im Stadion die Fahne hochhält, um sein Team zu unterstützen. Von diesem Geist kann sich auch die Politik einiges abgucken. Bei unseren Trainings kommen Mädchen aus 21 Nationen zusammen. Da geht es nicht darum, woher jemand kommt, sondern nur um gemeinsamen sportlichen Erfolg und Spaß.
Wenn der Ball rollt, ändert sich also die gefühlte Realität? Ging es Ihnen im Mädchenalter auch so?
Tatsächlich hatte ich damals auch das Gefühl, nicht dazuzugehören. Als Kurdin, Jesidin und eines von elf Kindern war ich mit Rassismus und Mobbing konfrontiert. Innerfamiliär war es ein Politikum, dass ich als Mädchen Fußball spielen wollte – meine Mutter kannte das nicht, wollte mich beschützen. Außerdem war ich keine überragende Schülerin. Ich dachte, ich kann nichts richtig gut. Und selbst manche Lehrer haben mir gesagt, dass ich es im Leben zu nichts bringen werde. Das sind vergiftete Sätze, aber als junger Mensch nimmt man diese auf, man gerät ins Grübeln und fragt sich, ob diese Leute vielleicht recht haben. Auf dem Bolzplatz waren diese Gedanken wie weggeblasen.
Auf den Platz zu gehen, sorgte für ein Gefühl von Freiheit
Wann haben Sie begonnen, im Verein zu spielen?
Mit 16 Jahren. Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern, erstmals mit klackenden Stollenschuhen über den Asphalt zum Rasen zu gehen. Das war ein Gefühl von Freiheit, weil ich wusste, dass mich auf dem Feld niemand nach meiner Herkunft fragen und es einfach nur um Punkte und Tore gehen würde.
Und dabei waren Sie ziemlich gut.
Ja, ich hatte das Glück talentiert zu sein. Als Mädchen zu erleben, etwas richtig gut zu können, war Wahnsinn. Dieses Gefühl von Freiheit hat mich beim Fußball nie mehr losgelassen. Und irgendwann wusste ich, dass ich dafür sorgen will, dieses Gefühl möglichst allen zu ermöglichen. Das bedeutet aber nicht, dass bei Scoring Girls alle Mädels begabte Fußballerinnen sein müssen. Im Gegenteil. Es geht nicht um Leistung. Du kannst bei Scoring Girls dabei sein, auch wenn du nicht erfolgreich bist. Der Teamsport baut lediglich die Brücken und überwindet Grenzen. Den meisten geht es letztlich darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Und Teilhabe auf dem Platz bedeutet auch Teilhabe in der Gesellschaft.
Der Plan geht offensichtlich auf. Ihr Projekt ist auf Wachstumskurs. Was empfinden Sie, wenn Sie erleben, wie die Mädels auf dem Platz selbstbewusster und glücklicher werden?
Ich werde sehr emotional, wenn ich die Entwicklungen der Teilnehmerinnen sehe, diesem Projekt gehört mein ganzes Herz. Es macht mich stolz, dass ich das immer wieder sehen darf. Inzwischen erreichen wir über 500 Mädchen, die durch Scoring Girls auch ihre anderen Lebensbereiche stärken konnten. Wir geben ihnen Raum, sich gemeinsam ihren Ängsten und Zweifeln zu stellen und ihren Träumen zu widmen. Manche Mädchen begleite ich mit meinem Team seit zehn Jahren. Manche haben anfangs auf den Boden geschaut, jetzt heben sie den Kopf und sprechen über das, was sie bewegt. Sie schließen die DFB-Junior-Coach-Qualifizierung ab oder machen ihr Abitur. Diese jungen Frauen sagen mir, dass sie das ohne Scoring Girls nicht geschafft hätten. Der Teamgedanke ist dabei wichtig. Nicht jede unserer Teilnehmerinnen muss sportlichen Erfolg haben oder einen geradlinigen Weg gehen – sie können bei uns einfach sein, wie sie sind und sich in ihrem Tempo entwickeln. Wir räumen Steine aus dem Weg, den Weg gehen müssen sie dann selbst.
Die Anfänge liegen zehn Jahren zurück
Angefangen hat Ihr Engagement vor rund zehn Jahren. Wie waren die ersten Schritte?
2015 haben wir erste Trainings in Köln angeboten, ein Jahr später dann regelmäßige Einheiten. Damals war ich noch Spielerin beim 1. FC Köln. Seitdem ist das Projekt immer weitergewachsen. Inzwischen gibt es uns auch in Berlin, im Irak und in München und immer wieder frage ich mich, wo die Mädchen wären, wenn es uns nicht gäbe.
Warum braucht es diese Alternative zum Vereinssport?
Weil die Hürden im Zugang zu Vereinen für Mädchen oft zu groß sind. Wer bei Scoring Girls mitmachen will, braucht nur das Einverständnis der Eltern, sonst nichts. Dieses Angebot ist also niedrigschwellig, kostenlos. Wir binden die Eltern ein, gehen in den Dialog, veranstalten Family and Friends Days. Man kann nicht erwarten, dass alle den Weg von allein gehen. Wir gehen in Schulen, in Unterkünfte für Geflüchtete und in Jugendzentren und machen auf uns aufmerksam. Und wir sagen den Mädchen, dass sie nicht zu jedem Training kommen müssen, dass es in erster Linie darum geht, dass sie sich wohlfühlen können – ohne Druck. Die meisten sind dann aber doch immer dabei. Wir arbeiten aber auch mit örtlichen Vereinen zusammen und vermitteln Spielerinnen dorthin. Vielen ist gar nicht klar, dass auch ihnen der Weg in den Vereinsfußball offensteht. Viele unserer Mädchen spielen heute in Vereinen. Sie sind Teil des DFB und des Spielbetriebs des FVM. Daraus ergibt sich eine Win-Win-Situation, denn die Klubs brauchen Nachwuchs.
Was muss getan werden, damit Ihre Arbeit noch mehr Menschen erreicht?
Da geht es einmal um monetäre Fragen. Wir sind dabei, uns immer professioneller und breiter aufzustellen. Anfangs wollten die Mädchen nur Fußball spielen, aber nach ein paar Wochen war klar, dass sie viel mehr vom Leben wollen. Deshalb arbeiten bei uns Pädagoginnen und Trainerinnen, die Tag für Tag mit den Teilnehmerinnen im Austausch sind. Wir sind froh, dass wir bei der Förderung unserer Teilnehmerinnen auch auf die Unterstützung des FVM zählen können, zum Beispiel wenn es darum geht, die Teilnahme am DFB-Junior-Coach-Lehrgang zu ermöglichen. Das ist nicht einfach nur eine Qualifikation für unsere Teilnehmerinnen, sondern eine Möglichkeit der Teilhabe und Partizipation. Auch bei den Mädchenturnieren auf den Vorwiesen vor dem DFB-Pokalfinale der Frauen waren die Scoring Gils schon dabei. Es geht aber auch darum, ein gesellschaftliches Bewusstsein zu schaffen. Jeder vierte Mensch in Deutschland hat Zuwanderungsgeschichte. Das muss sich auf allen Ebenen widerspiegeln – Repräsentation ist so, so wichtig. Gerade im Frauenfußball. Als wir mit einer Gruppe von Spielerinnen bei der UEFA Euro in England waren und Nicole Anyomi für Deutschland getroffen hat, hat eine unserer Teilnehmerinnen gesagt: Sie sieht aus wie ich und sie hat es geschafft. Das heißt, ich kann es auch schaffen.
Was haben Sie mit dem Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro vor?
Es gibt so viele Wege, das Preisgeld im Sinne des Projekts zu verwenden – wir haben beispielsweise ganz praktische Bedarfe wie die Anschaffung von Fußballschuhen für die Teilnehmerinnen. Denn es ist keine Selbstverständlichkeit, dass sich die Eltern Sportausrüstung leisten können. Aber vielleicht fragen wir die Teilnehmerinnen einfach selbst, was sie sich wünschen und was wir mit dem Geld möglich machen sollen.
Das ist der Egidius-Braun-Preis
In Würdigung der herausragenden Verdienste seines langjährigen Präsidenten Dr. h.c. Egidius Braun um die Entwicklung des Fußballsports in all seinen sozialen und gesellschaftspolitischen Facetten stiftet der Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) den Egidius-Braun-Preis. Mit diesem Preis werden seit 2010 bei jedem Verbandstag herausragende Persönlichkeiten ausgezeichnet, die sich im Sinne von Egidius Brauns Lebenswerk „Fußball ist mehr als ein 1:0“ in besonderer Weise Verdienste erworben haben.
