Ausbildungskoordinator Philipp Tirpitz: „Viel Fußball, viel Freude und viele Spielsituationen“

Ausbildungskoordinator Philipp Tirpitz: „Viel Fußball, viel Freude und viele Spielsituationen“

FVM: Philipp Tirpitz, wie bist du zu deiner heutigen Rolle gekommen? 

Philipp Tirpitz: Mein Name ist Philipp Tirpitz, ich bin 28 Jahre alt und als Ausbildungskoordinator im Fußballkreis Bonn tätig. Wie es im Fußball häufig ist, „rutschen“ die meisten irgendwann in die Trainerarbeit hinein, unterstützen zunächst nur kurz und sind dann vom Trainerdasein gepackt. Bei mir war es ähnlich.

Als ich 16 Jahre alt war, ging der Trainer des Bruders meiner damaligen Freundin für drei Monate nach Australien. Die Eltern meiner fußballbegeisterten Freundin fragten uns, ob wir die Mannschaft in dieser Zeit übernehmen könnten. Aus der Übergangslösung wurde eine Dauerlösung. Bereits nach den ersten Wochen konnten wir enorme Fortschritte in der Mannschaft beobachten – vermutlich vor allem deshalb, weil wir genau das Training angeboten haben, das wir uns als Spieler selbst immer gewünscht hätten: viel Fußball, viel Freude und viele Spielsituationen. Heute, zwölf Jahre später, bin ich Ausbilder, Ausbildungskoordinator und Stützpunkttrainer.

Zur Ausbildungsarbeit kam ich über unseren damaligen Ausbildungskoordinator Michael Stuch, den ich in meiner Zeit als Trainer in Friesdorf kennenlernte. Er war auf der Suche nach geeigneten Ausbildern, um die Trainerentwicklung im Kreis weiter voranzubringen. In den ersten Jahren als Ausbilder habe ich viele Themen identifiziert, die ich selbst weiterentwickeln wollte – von der Kommunikation mit den Vereinen bis hin zur Gestaltung der Lehrgänge. Der Schritt zum Ausbildungskoordinator war deshalb irgendwann die logische Konsequenz und die Möglichkeit, die Strukturen aktiv mitzugestalten.

FVM: Was macht ein Ausbildungskoordinator konkret? Wie sieht dein Alltag aus?

Philipp Tirpitz: Im Kern geht es darum, die Trainerqualifizierung im Fußballkreis Bonn zu organisieren, weiterzuentwickeln und möglichst nah an den Bedürfnissen der Vereine auszurichten.

Dazu gehören die Planung und Durchführung von Lehrgängen und Fortbildungen, die Betreuung von Trainer*innen sowie die enge Zusammenarbeit mit Vereinen und dem Verband. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht aber auch darin, Strukturen zu schaffen, die den Austausch erleichtern.

Deshalb haben wir im Fußballkreis Bonn eine Trainer*innen-Community über WhatsApp aufgebaut, die inzwischen rund 465 Trainer*innen und Vereinsvertreter*innen umfasst. Darüber können wir neue Lehrgangsangebote direkt an die Basis kommunizieren, unkompliziert Rückmeldungen einholen und gleichzeitig neue Ausrichtervereine für Lehrgänge gewinnen. Dieser direkte Austausch hilft uns enorm dabei, nah an den Bedürfnissen der Vereine zu bleiben.

Gleichzeitig ist mir die Arbeit in der Talentförderung sehr wichtig. Sie ermöglicht es mir, die eigene Trainerpraxis beizubehalten und Erfahrungen aus dem Trainingsalltag unmittelbar in die Aus- und Fortbildung einfließen zu lassen. Ich halte es für wichtig, dass Trainerausbildung nicht ausschließlich theoretisch stattfindet, sondern immer auch die Realität auf dem Platz widerspiegelt.

FVM: Wie sieht für dich eine gute Nachwuchsausbildung in deinem Kreis aus?

Philipp Tirpitz: Eine gute Nachwuchsausbildung stellt die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen konsequent in den Mittelpunkt. Dabei geht es nicht nur um die sportliche Entwicklung, sondern genauso um Freude am Spiel, Persönlichkeitsentwicklung und soziale Kompetenzen. Kinder benötigen altersgerechtes Training, viele Ballaktionen und Trainerinnen und Trainer, die Lernprozesse begleiten statt ausschließlich Ergebnisse einzufordern. Wenn jede*r Trainer*in das Ziel verfolgt, Training besser zu gestalten, als sie/er es selbst als Kinder erlebt hat, entwickeln wir den Fußball kontinuierlich weiter. Genau dieser iterative Gedanke treibt mich an.

FVM: Wie eng arbeitest du mit Vereinen und Trainern zusammen – und wo gibt es manchmal Herausforderungen?

Philipp Tirpitz: Die Zusammenarbeit mit den Vereinen und Trainer*innen ist sehr eng und für die Arbeit als Ausbildungskoordinator absolut entscheidend. Die größte Herausforderung besteht häufig darin, dass die meisten Trainer*innen ihre Arbeit ehrenamtlich neben Beruf, Studium oder Familie leisten. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Trainingsqualität, die Organisation und die Kommunikation stetig. Unsere Aufgabe besteht deshalb darin, Ausbildung möglichst praxisnah, flexibel und unterstützend zu gestalten. Wir wollen Hürden abbauen und Angebote schaffen, die den Trainer*innen im Alltag tatsächlich weiterhelfen.

FVM: Was macht den Fußball in deinem Kreis besonders?

Philipp Tirpitz: Der Fußballkreis Bonn zeichnet sich durch eine vielfältige Vereinslandschaft aus. Vom kleinen Dorfverein bis zum leistungsorientierten Nachwuchsstandort ist alles vertreten.

Besonders ist dabei vor allem die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Viele Vereine investieren bewusst in die Qualifizierung ihrer Trainer*innen und sind offen für neue Ideen und Entwicklungen. Diese Mischung aus Tradition, Ehrenamt und Innovationsbereitschaft macht unseren Kreis aus.

FVM: Welche Rolle spielen Persönlichkeit und Werte in der Trainerausbildung?

Philipp Tirpitz: Eine sehr große Rolle. Trainer vermitteln nicht nur Inhalte, sondern prägen Menschen. Kinder erinnern sich häufig weniger an konkrete Übungen als an die Menschen, die sie über Jahre begleitet haben. Deshalb beschäftigen wir uns in der Ausbildung nicht nur mit Trainingsmethodik, sondern genauso mit Kommunikation, Führung und Haltung. Fachliche Kompetenz ist wichtig. Aber Persönlichkeit, Empathie und die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen, sind mindestens genauso entscheidend.

FVM: Wo steht die Talentförderung aktuell und wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Philipp Tirpitz: Die Talentförderung in Deutschland verfügt grundsätzlich über gute Strukturen und eine enge Zusammenarbeit zwischen Vereinen, Stützpunkten und Verbänden. Verbesserungspotenzial sehe ich vor allem darin, unterschiedliche Entwicklungsverläufe stärker zu berücksichtigen. Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell und benötigen unterschiedliche Lernumgebungen. Gleichzeitig beginnt Talentförderung nicht erst in den Auswahlmaßnahmen, sondern jeden Tag im Vereinstraining. Deshalb bleibt die Qualifizierung der Trainer*innen an der Basis für mich der wichtigste Hebel.

FVM: Wenn du im Jugendfußball sofort etwas verändern könntest – was wäre das?

Philipp Tirpitz: Ich würde den Fokus noch stärker auf Entwicklung statt auf Ergebnisse legen. Gerade im Kinder- und Jugendfußball werden Tabellenplätze und kurzfristige Erfolge häufig überbewertet. Viel wichtiger ist die Frage, ob Kinder besser geworden sind, Freude am Fußball haben und langfristig im Sport bleiben. Wenn wir Lernprozesse stärker in den Mittelpunkt stellen, profitieren Spieler*innen, Trainer*innen und Vereine gleichermaßen.

FVM: Wo soll der Fußball deines Kreises in fünf bis zehn Jahren stehen – und welchen Beitrag möchtest du dazu leisten?

Philipp Tirpitz: Ich wünsche mir einen Fußballkreis Bonn, der für moderne Trainerentwicklung, starke Vereinsstrukturen und hochwertige Nachwuchsarbeit steht. Ich bin überzeugt davon, dass engagierte Menschen die Möglichkeit haben, Strukturen aktiv zu gestalten, wenn sie Verantwortung übernehmen und die richtigen Menschen zusammenbringen. Das gilt sowohl für die Trainerqualifizierung als auch für Themen wie Spielbetriebsformen, Ligenstrukturen oder sportliche Entwicklungsmöglichkeiten. Mein Beitrag soll darin bestehen, weiterhin möglichst viele Trainer*innen besser zu machen. Mein Credo in der Ausbildung ist dabei dasselbe wie im Jugendfußball: Es gibt viele unterschiedliche Entwicklungswege und Hintergründe. Mein Ziel ist es, dass jede*r Trainer*in aus jedem Ausbildungstag mindestens einen Impuls mitnimmt, der die eigene Trainingsarbeit verbessert. Konkret bedeutet das für mich: Ich möchte jedem helfen und jeden ein Stück besser machen.


Foto: Philipp Tirpitz/Privat

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